"Das weiß ich noch wie heute..." Frauengeschichte(n) in Bochum
Das Erzählprojekt der Offenen Altenilfe der Inneren Mission, Diakonisches Werk Bochum e.V. und des Frauenreferates im Kirchenkreis Bochum.
Interview Bettina Ellerbrock, Kuratorium Deutsche Altershilfe mit Silvia Meißler, Diakonie Bochum
Forum Seniorenarbeit: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Biografieprojekt ins Leben zu rufen?
Silvia Meißler: In unserer alltäglichen Arbeit begegneten uns immer wieder erzählte Lebenserinnerungen. Wir stellten fest, dass die TeilnehmerInnen in unseren Gruppen ein hohes Erzählbedürfnis haben. So entstand die Idee, die Vielfalt der Geschichten in einem Buch zu bündeln.
Biographisch orientierte Gruppenarbeit ist ein festes Element im Umgang mit alten Menschen in der täglichen Arbeit. Immer wieder erstaunt die Fülle der Geschichten, Erinnerungen, Anekdoten und Lebensweisheiten, die eher zufällig und ungezielt zu Tage treten.
Die Idee zum Erzählprojekt entstand aus dem Wunsch, der Erinnerungspflege gezielt Raum zu geben und die Freude am Erzählen zu fördern und zu erhalten. Die Lust am Erzählen und Erinnern steht im Vordergrund.
Die erzählte Geschichte ist erzählwürdig. Sie ist zugleich ein Teil der Geschichte und Ausgangspunkt für den Dialog der Generationen. Daher sollen alle Erzählungen strukturiert gesammelt und in einem Buch dargestellt werden.
Ziele:
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Anregung lebensgeschichtlicher Erinnerungsprozesse
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Wertschätzung von individuellen Erinnerungen in Seniorengruppen
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Biografische Rückschau als Möglichkeit, Lebensfreude und Kraft zu schöpfen
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Biografische Rückschau als Möglichkeit, mit anderen Senioren in Dialog zu treten
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Sammeln der Geschichten, um sie vielen Menschen auch anderen Generationen zugänglich zu machen und Alltagsgeschichte zu bewahren.
Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Frauenreferat des evangelischen Kirchenkreises Bochum durchgeführt.
Forum Seniorenarbeit: Wie setzt sich die Gruppe der erzählenden Frauen zusammen, wie kamen Sie in Kontakt?
Silvia Meißler: Die Gruppe setzte sich aus Teilnehmerinnen der Frauenhilfe und Seniorenkreisen sowie Bewohnerinnen in Seniorenwohnanlagen zusammen. Insgesamt nahmen rund 900 Frauen an den Gesprächskreisen teil.
Das Frauenreferat nahm den Kontakt zu Frauenhilfen auf. Die Offene Altenarbeit der Inneren Mission betreut seit über 40 Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die Seniorenkreise in evangelischen Kirchengemeinden leiten; von daher nahm sie Kontakt zu den Seniorenkreisen auf; außerdem hat die Offene Altenarbeit von der Stadt Bochum den Betreuungsauftrag (d.h. Veranstaltungen und Einzelberatung) für 9 Seniorenwohnanlagen; von daher konnte der Kontakt zu Bewohnern hergestellt werden.
Alle Frauenhilfen im Kirchenkreis Bochum sowie Seniorenkreise in evangelischen Kirchengemeinden wurden angeschrieben, ob sie einen Erzählnachmittag veranstalten möchten (siehe angefügtes Anschreiben).
Forum Seniorenarbeit: Unterscheiden sich ältere erzählende Frauen von erzählenden älteren Männern?
Silvia Meißler: Unser Schwerpunkt des Erzählens lag bei Geschichten von Frauen. Das liegt darin begründet, dass nur sehr wenige Männer unsere Gruppen besuchen. Beim Thema Schule fiel auf, dass die Streiche der Jungen anders waren als die der Mädchen (z.B. Bericht über eine Jungenbande); beim Thema Krieg haben Männer von Kriegsgefangenschafterlebnissen berichtet; zu vermuten ist, dass Männer nichts über das Thema Haushalt (Verfahren wie im Haushalt wie bspw. das Wäschewaschen) erzählen konnten und wenn, dann evtl. eher über Gartenarbeit oder die Versorgung von Tieren.
Bei Männern und Frauen nahmen die Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit einen großen Raum ein; bei eigentlich jedem Thema (Kindheit; Beruf; Liebe; Haushalt; Kirche) wurden Geschichten aus dem Krieg erzählt; daran wurde uns noch mal deutlich, welche prägende Wirkung die Kriegs- und Nachkriegszeit für das Erleben der damaligen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hatte.
Forum Seniorenarbeit: Können Sie etwas über den Verlauf des Projektes sagen?
Silvia Meißler:
Der Projektverlauf
Das Frauenrefererat im Kirchenkreis Bochum bot der Offenen Altenarbeit im Herbst 2002 die Zusammenarbeit beim Erzählprojekt an. Alle weiteren Vorgehensweisen geschahen in Absprache und gemeinsamer Planung mit dem Frauenreferat.
Oktober 2002
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40 Frauen aus Altenkreisen und Frauenhilfen treffen sich zur Auftaktveranstaltung im Albert-Schmidt-Haus; das Erzählprojekt wird vorgestellt. Die Teilnehmerinnen erarbeiten Erzählschwerpunkte und –themen (Kindheit; Ausbildung und Beruf; Liebe und Ehe; Haushalt; Kirche).
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Briefe an Frauenhilfen; Seniorenkreisen mit dem Angebot, dass die Mitarbeiterinnen des Frauenreferats und der Offenen Altenarbeit einen Erzählnachmittag mit Hilfe eines Erinnerungskoffers gestalten.
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Zusammenstellung von Erzählkoffern; d.h. Sammlung von Gegenständen, die zum Erzählen zu den o. g. Themen anregen z.B. Waschbrett für Haushalt; Spielzeug und Schulsachen für Kindheit.
Januar - September 2003
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Erzählzeit: Die Mitarbeiterinnen des Frauenreferates und der Offenen Altenarbeit sind in Frauenhilfsgruppen, Altenkreisen und Seniorenwohnanlagen zu Gast. Mit Hilfe eines Erinnerungskoffers wird die Erzählstunde gestaltet.
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Die Geschichten werden aufgenommen und verschriftlicht.
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Die Geschichten werden in einem ersten Schritt den verschiedenen Rubriken (siehe oben) zu sortiert; längere Erzähl-Passagen werden in einzelne Geschichten getrennt.
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Beim Aufzeichnen der Geschichten ist es wichtig, immer den Erzählenden mit Vornamen, Namen evtl. Alter und bei verschiedenen Kreisen, den Kreis mit zu notieren, ebenso ist bei der Trennung längerer Erzählpassagen darauf zu achten, dass jedes Mal der Erzählende mit vermerkt wird; denn im Nachhinein kostet sonst die Suche nach dem Erzähler viel Zeit und Aufwand; außerdem (so bei uns passiert) können Erzählerinnen vergessen werden oder die Geschichten werden anderen Personen zugeschrieben.
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Arbeiten zwei oder mehr Parteien an dem Buch ist es hilfreich, wenn eine MitarbeiterIn alle Geschichten und Materialien sammelt und sortiert; so spart man sich doppelte Arbeit.
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Nachdem die Geschichten unter die verschiedenen Rubriken sortiert worden sind, müssen sie nochmals durchgesehen werden u. a. nach den Fragestellungen: Hat die Geschichte einen Spannungsbogen? Welche Geschichten ähneln sich? Wo wird etwas Außergewöhnliches erzählt? Passt sie wirklich in die Rubrik (Wir haben beim zweiten Durchgang viele Geschichten in eine andere Rubrik umgesetzt)? Muss an der Sprache etwas verändert werden? Ist die Geschichte verständlich?
Herbst 2003 – Januar 2004
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Das Erzählmaterial, sowie Fotos und Alltagsdokumente (von den ErzählerInnen) liegen weitgehend vor, d.h. Geschichten und Fotos sowie Alltagsdokumente wurden zu den genannten Themen zusammengestellt.
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Es erwies sich als schwierig, Bilder aus dem Krieg zu erhalten, z. B. von zerbombten Häusern sowie Geschichten über Liebe und Ehe; alle Fotos und Dokumente müssen mit Namen des Eigentümers versehen sein (bei mehreren Kreisen sollte auch der Kreis genannt werden); man kann auch Kopien von den Fotos bzw. Dokumenten anfertigen und sich diese dann erst zur Erstellung des Buches wieder ausleihen.
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Wir haben uns entschieden, keine Fotos aus dem Stadtarchiv o. ä. zu nehmen; wir wollten ausschließlich mit Privatfotos arbeiten.
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Das Konzept für ein Buch wird entwickelt, und nach Möglichkeiten der Realisierung gesucht – der Bochumer Verlag biblioviel-Verlag hat Interesse an der Herausgabe des Buches.
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Es erfolgt ein erster Abgleich zwischen vorhandenem Material und Buchkonzept; so wird deutlich, welches Material (Geschichten, Fotos) fehlt oder umsortiert werden muss und wo das Konzept im Hinblick auf das Material verändert werden muss.
Sommer – Herbst 2004
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Fertigstellung und Veröffentlichung des Buches; es erfolgt die Übergabe des gesammelten und geordneten Materials an eine Grafikerin des Verlages; diese entwickelt Gestaltungsvorschläge, die wiederum dem Projektteam vorgelegt werden.
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Hierbei kann sich herausstellen, dass das vorhandene Material nochmals ergänzt oder gekürzt werden muss. Die vorherige genaue Absprache über Zeiträume, Terminsetzungen sowie Befugnisse über Entscheidungen mit Verlag und Kooperationspartnern kann Verzögerungen, Zeitdruck vorbeugen.
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Erzählfest; das Buch wird im Rahmen eines Festes mit Lesung und kulturellem Beitrag (Musik) präsentiert; dazu sind alle Erzählerinnen sowie Multiplikatoren eingeladen.
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Wichtig ist eine gute Pressearbeit; Bekanntmachung des Buches, um den Verkauf vorzubereiten.
Forum Seniorenarbeit: Wie haben Sie die Finanzierung des Buches/Projektes realisiert?
Silvia Meißler: Das Buch wurde in einer Auflage von 1000 Stück gedruckt; der Verkaufspreis lag bei 9,80 Euro. Wir haben mit dem Verlag eine Mindestabnahme ausgehandelt; verkauft man von der Mindestabnahme eine entsprechende Stückzahl, kommt man aufgrund des Autorenrabattes in eine Gewinnzone (so kosteten die Bücher uns 5,86 € und wir haben sie verkauft für 9,80 €).
Man benötigt eine Vorfinanzierung, da der Verlag die Rechnung zügig nach Druck bezahlt haben möchte.
Ein Preis unter 10,00 € ist auf alle Fälle empfehlenswert, da die Käufer gerade soviel bspw. für ein kleines Geschenk ausgeben (so sind viele Bücher an Verwandte, Bekannte der Erzählerinnen gegangen).
Spenden; Kollekten- oder Innovationsmitteln können das Projekt vorfinanzieren; man kann auch mit dem Träger vereinbaren, dass er Bücher z.B. als Mitarbeitergeschenke abnimmt.
Außer den Druckkosten können noch Kosten für Honorarmitarbeiter (bei uns z.B. eine Historikerin) sowie begleitende Veranstaltungen auftreten.
Forum Seniorenarbeit: Wenn Interessierte aus der Seniorenarbeit ebenfalls ein solches Projekt durchführen möchten, welchen Rat würden Sie diesen geben?
Silvia Meißler:
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Bei Kooperationen einen Projektvertrag schließen mit genauer Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten.
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Sich rechtzeitig Gedanken um Herausgeberschaft und Impressum machen.
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Sich eine/n Mitarbeiter/in suchen, der/die Erfahrung im Erstellen von Büchern hat.
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Mitarbeit von ehrenamtlichen Mitarbeitern sicherstellen z.B. für die Verschriftlichung von Erzählungen.
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Für die Endphase der Bucherstellung viel Zeit im Arbeitsalltag einplanen; Raum lassen für kurzfristige Termine.
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In der Anfangsphase Projektverlauf, -ziel festlegen; das beinhaltet auch einen Projektentwurf bzw. Entwurf für die Gestaltung des Buches.
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Ein Vierfarbdruck ist für die Erstellung eines Buches nicht unbedingt notwendig; bereits mit dem Einsatz von einer Farbe, die dann in verschiedenen Schattierungen im Buch auftaucht, lässt sich Abwechselung erzielen.
Vielen Dank für die vielen Informationen!
